Angst und Hoffnung – Hand in Hand: Ein Kommentar

Ab morgen befindet sich ganz Spanien mindestens in Phase 1 des sogenannten Deeskalationsplans der Regierung in Madrid. Manche Provinzen gehen sogar schon in Phase 2 über. Was die von den wochenlangen, sehr strengen Beschränkungen geplagten Menschen und vor allem auch die Wirtschaft freuen wird, weckt bei mir leider auch andere Gefühle.

Pedro Sánchez und viele Politiker mahnen immer wieder an, dass die Gefahr nicht vorbei ist. Das Virus ist immer noch unter uns, wenn auch – den aktuellen Zahlen zufolge – weitestgehend unter „Kontrolle“. Doch, was heißt das wirklich? Wie kann man einen „Feind“ kontrollieren, den man nicht sehen kann und von dem man nicht sicher weiß, wo er lauert?

Auch ich bewege mich nun wieder „draußen“, war vorgestern sogar in Alicante. Was bei mir auf der einen Seite ein Gefühl der „neuen Normalität“ erzeugt, ist andererseits bei weitem doch nicht wirklich normal, wenn man konsequent weiter denkt. Trotz „Maskenpflicht“ bewegen wir uns alle auf sehr sehr dünnem Eis.  Ist uns das eigentlich wirklich bewusst?

Jetzt, wo die Mobilität schrittweise wieder zurückkehrt, wo Menschen sich auf Terrassen treffen, wo man sich mit Freunden und Bekannten treffen kann, schaffen wir natürlich genau diese zwischenmenschlichen „Begegnungs-Situationen“, zu deren Vermeidung Mitte März die totale Ausgangs- und Kontakt-Sperre hier in Spanien angeordnet wurde. Wir begegnen jetzt wieder anderen Menschen und begeben uns dabei genau in die Gefahr, die wir durch die verhängte Ausgangssperre vermieden haben, vermeiden mussten – die Gefahr der Ansteckung, der Weiterverbreitung dieses gefährlichen und für nicht wenige Menschen sogar tödlichen Virus namens COVID-19.

Ja, man kann argumentieren, dass nach dieser wochenlangen Kontaktsperre die Infektionsgefahr so gut wie beseitigt oder, bei infizierten Menschen ohne schlimmere Symptome, eine gegebenenfalls vor Wochen vorliegende Infektion mittlerweile überstanden ist. Trotzdem kann niemand sicher sein, ob es nicht doch eine unbekannte Zahl von Menschen gibt, die sich – wo oder über wen auch immer – vor Kurzem irgendwo angesteckt haben und nun – ohne es zu wissen – dieses Virus durch die neuen „Freiheiten“ wieder in der Gesellschaft verbreiten könnten.

Massentest gibt es in Spanien nicht, eine Art Gesundheitspass bleibt wohl auf lange Zeit auch Utopie. Dies sind nur zwei der Versäumnisse einer zeitweise überfordert wirkenden Zentralregierung in Madrid, die man in diesem Zusammenhang für einige Versäumnisse und Fehler ohne Zweifel kritisieren darf oder sogar muss.

Dem logischen Denken nach dürfte man Menschen eigentlich erst dann wieder soziale Kontakte mit „haushaltsfremden Personen“ erlauben, wenn wirklich jeder einzelne Bewohner unseres Landes getestet und für „nicht infektiös“ erklärt wurde. Dies ist und bleibt Utopie und so hofft man – auch ich – dass es schon irgendwie „gutgehen“ wird, wenn sich denn Alle an bestehende Hygienevorschriften halten. Aber, geschieht das?

Gehe ich durch Calpe, sehe ich regelmäßig – vor allem – jüngere Menschen, die sich genau so verhalten, wie es in der aktuellen Situation nicht angebracht ist. Da wird nebeneinander „Seit an Seit“ hergelaufen, da wird gegenseitig auf die Handys geschaut nach dem Motto „hier, nimm Du das Handy mal und guck mal“, da wird gelacht, sich umarmt, geneckt, Spass gemacht, da werden kleine Rangeleien veranstaltet – alles normal bei Kids und jungen Leuten, aber, von Abstandsregeln eben oftmals keine Spur. Mir persönlich macht das Angst. Ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, dass hier eine – nicht kleine – Anzahl von Menschen immer noch nicht begriffen hat, was hier im Land eigentlich los war und warum wir eine „Zwangshaft“ hinter uns haben.

Das Virus ist da, Leute, es ist wahrscheinlich immer noch unter uns und über das, was ich an Verhalten „da draußen“ manchmal sehe, kann ich nur den Kopf schütteln.

Ich mag gar nicht daran denken, was uns erwarten könnte, wenn der Tourismus wieder möglich wird oder wenn die interprovinzielle Mobilität wieder erlaubt ist. Wie will man Ansteckungsgefahren denn wirklich effektiv kontrollieren? Wie will man sicherstellen, dass keine „Infizierten“ durch ganz Spanien reisen oder als Tourist von außerhalb in unser Land kommen und neue, vielleicht unkontrollierbare Infektionsketten auslösen?

Wir würden es erst mit einer Verzögerung von ca. 2 Wochen merken. Zu spät, um in einem Land, in dem Touristen unterwegs sind, noch irgendetwas „aufzuhalten“. Was nützt ein „Fiebermessgerät“ am Flughafen wenn der, der da einreist, noch gar keine Symptome hat? Wie will man Tourismus mit Auto, Bus oder Bahn „kontrollieren“ und Spanien zu einem „sicheren Reiseziel“ machen, wie es Pedro Sánchez gestern versprach? Alle an der Grenze einzeln anhalten und Fiebermessungen durchführen, die, wie eben beschrieben, eigentlich nutzlos sind? Fragen über Fragen gehen mir durch den Kopf je mehr ich darüber nachdenke.

Ich habe Hoffnung, dass es gutgeht, aber, die Angst bleibt. Ein weiterer „shutdown“ wegen einer neuen Infektionswelle wäre sowohl für uns als Gesellschaft als auch für unsere Wirtschaft katastrophal und wie wir da – sollte so etwas notwendig werden – wieder rauskämen, darüber will ich gar nicht nachdenken.

Ich hoffe, dass es gut geht, aber, meine Angst bleibt. So, wie das Virus auch.

T.J.B.

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2 Kommentare

  1. Es ist genau so, zuerst viel zu spät- jetzt wieder zu früh… man sollte nur solche Schritte tun, die nach 2-3 Wochen reversibel sind, wie die Stühle und Tische aus dem Gehsteig zügeln… Wie denkt man sich, kann man die Turisten „loswerden“, wenn es doch wieder aufflammt? So leicht wie Mitten im März wird es nicht mehr sein.

  2. Ein wahnsinnig starker Kommentar. Ich hoffe, das lesen viele Leute!

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